Direkt aus Berlin

Wochennachrichten aus Politik und Wirtschaft | Ausgabe 8 | 6. Mai 2020

 

Thema der Woche

Der  Ziehharmonika-Effekt hat beachtlichen Einfluss auf die globalisierten Lieferketten

Zu einem gemeinsamen Erfahrungsaustausch zu Problemen bei der See- und Luftfracht in Zeiten der Corona-Pandemie haben sich die Mitglieder des BGA-Außenwirtschaftsausschusses und des BGA-Verkehrsausschusses sowie des Bundesverbandes des Deutschen Exporthandels (BDEx) in einer Videokonferenz Ende April zusammengefunden.

Als externe Referenten gaben Matthias Knicky (Geschäftsleitung Seefracht, Kühne und Nagel) und Willem van der Schalk (CEO, a. hartrodt Deutschland (GmbH & Co) KG) einen kurzen Überblick aus der Praxis über die aktuellen Herausforderungen in der See- und Luftfracht. Angesprochen wurde dabei u.a., dass die Globalisierung der Lieferkette für die Frachtschifffahrt derzeit eher zum Verhängnis werde. Da weniger Waren auf den Schiffen von Asien nach Europa und in den Rest der Welt verschifft würden, gelange weniger Equipment (Container) in Umlauf. Europa werde in diesem Kreislauf vorranging auch mit Equipment aus Asien versorgt. Container, die hier nicht mehr ankommen, könnten somit auch nicht weltweit weitergenutzt werden. Dieser „Ziehharmonika-Effekt“ habe einen beachtlichen Einfluss auf die globalisierten Lieferketten. Die Handhabung der Seefracht sei in der Supply-Chain somit noch einmal deutlich aufwändiger geworden.

Hinzu komme, dass die Verlässlichkeit der Reedereien nicht mehr wie gewohnt aufrechterhalten werden könne. Das bringe ein hohes Maß an Planungsunsicherheit mit sich. Die Häfen funktionierten derweil aber weltweit wieder größtenteils störungsfrei und würden keinen limitierenden Faktor darstellen.

Wie die Seefracht sei auch die Luftfracht von der Pandemie-Krise erheblich gebeutelt. Grund hierfür sei vor allem der Lockdown ganzer Länder, aber auch einzelner Airlines.

In Deutschland müssten alle Airlines mit hohen Einbußen rechnen, sowohl kleine als auch große, etablierte. Die Luftfracht erwarte somit das erste Verlustjahr seit 2009. Auch bei der hier bestünde ein hohes Maß an Planungsunsicherheit. Der Betrieb laufe lediglich über kurzfristige Agreements nach Bedarf – die Zuteilung von Frachtraum erfolge auf einer Ad-hoc-Basis.

Laut neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes gingen der Versand und Empfang von Luftfracht (einschließlich Luftpost) im März 2020 im Vergleich zum Vorjahresmonat um 11 Prozent auf 392 000 Tonnen zurück. Dabei erfuhr insbesondere die Frachtbeförderung im Rahmen von Passagierflügen einen deutlichen Rückgang (-38,2 Prozent auf 68 000 Tonnen). Gewohntes Frachtvolumen stand somit kurzfristig nicht mehr zur Verfügung. Bereits geplante Lieferungen fielen weg oder konnten ihre Empfänger nur noch mit deutlichen Verspätungen erreichen. Dies hat einen erheblichen Einfluss auf noch aktuell bestehende Geschäfte der deutschen Groß- und Außenhändler und stellt diese vor enorme Herausforderungen beim Aufrechterhalten der Supply Chain.

Zwar erlebte die Beförderung in reinen Frachtflügen nur einen vergleichsweise moderaten Rückgang von 1,9 Prozent auf 324 000 Tonnen, doch ist hier gleichwohl zu bedenken, dass eine Vielzahl von Regionen weltweit nur über Passagiermaschinen angebunden ist. Lediglich die großen und besonders relevanten Routen können durch eigene Charter-Maschinen bedient werden. Damit wird auch die Anbindung von entlegeneren Regionen deutlich erschwert. Darüber hinaus laufen große Teile der Luftfracht in die USA über Passagiermaschinen. Verhängte Einreisebeschränkungen und -verbote führen somit auch beim Handel zu einem enormen Schaden. Der BGA setzt sich daher auch weiterhin für offene Grenzen sowie für freien grenzüberschreitenden Personenverkehr ein und lehnt Reisebeschränkungen ab.  [Patrik Marquardt]