Angespannte Lieferketten belasten Konjunktur

Hohe Kapazitätsauslastungen, Rohstoffengpässe und weltweite Logistikprobleme setzen die Lieferketten derzeit massiv unter Druck. Die Entwicklungen haben ein so bisher noch nicht gekanntes Ausmaß erreicht.

Der Großhandel ist von angespannten Lieferketten stark betroffen. Noch ist die Versorgungslage weitgehend in Ordnung, aber nicht alle Produkte sind in gleicher Menge und in gleichem Tempo verfügbar. Dies geht aus der Umfrage bei den Unternehmen des Groß- und Außenhandels bereits vom August 2021 hervor. Für die Unternehmen des Großhandels sind die Risiken aus Versorgungsschwierigkeiten mit Vorprodukten und Rohstoffen ein drängendes Problem. Jedes zehnte Unternehmen bewertet die Risiken als sehr hoch. Weitere zwei von drei Unternehmen sehen für sich ein großes Problem. Den betroffenen Unternehmen fehlt es besonders an Rohstoffen, Vorprodukten, wie z.B. Elektronikbauteilen, und an Stahl und anderen Metallen.

Gründe für die Engpässe

Ein ganzes Bündel von Gründen ist verantwortlich für die derzeitigen Störungen im Markt: 73 Prozent unserer Mitglieder gaben als Ursache an, dass benötigte Rohstoffe und Waren den Unternehmen nicht geliefert werden konnten. Unverhältnismäßige Preissteigerungen machen dagegen fast jedem fünften Unternehmen zu schaffen. 8 Prozent geben andere Probleme als Ursache an, u. a. Schwierigkeiten in Transport und Logistik, insbesondere wegen fehlender Container, gestiegene Containerpreise, Lagerkapazitäten, Knappheit bei Verpackungsmaterial, Probleme bei Produktion und Sortiment. Auch Hamsterkäufe und Katastrophen, wie Flutkatastrophen und Feuerausbrüchen in Chipfabriken sind für die Engpässe verantwortlich.

Ein zentrales Problemfeld stellt die Seefrachtsituation dar. Die Seefracht ist vor allem durch ein enormes Ungleichgewicht in der Verfügbarkeit von Containern zwischen westlichen und asiatischen Häfen eingeschränkt. Gleichzeitig wird dieses Ungleichgewicht durch den Kapazitätsabbau in der Linienschifffahrt weiter verschärft. Als Folge von pandemiebedingten Produktionsstopps und Werkschließungen lagern immer mehr Container zentral an einem Ort und stehen für andere Destinationen nicht mehr zur Verfügung. Hieraus resultiert eine anhaltende mangelnde Verfügbarkeit von 20-Fuß- und 40-Fuß-Containern in den asiatischen Häfen. Schließlich kam zu allem Überfluss auch noch der Unfall im Suezkanal hinzu: Da die großen Containerschiffe im Linienverkehr von Asien über Europa bis nach Südamerika und wieder zurückfahren, blieben Container mit Fleisch in Südamerika stehen und mussten per Luftfracht nach Deutschland importiert werden, wo es wegen der Pandemie ebenfalls starke Beeinträchtigungen gab und auch immer noch gibt. Während die Frachtraten steigen, werden die Wartezeiten immer länger.

Folgen: Verzögerungen und Preiserhöhungen in der Lieferkette

Infolge der Lieferengpässe kämpfen die betroffenen Unternehmen mit höheren Einkaufspreisen, langen Wartezeiten sowie einem erhöhten Planungs- und Organisationsaufwand. Als direkte Folge davon, können Unternehmen Aufträge erst verzögert bearbeiten, müssen sie ablehnen oder sogar stornieren.

Da der Großhandel nur ein Teil der Wertschöpfungskette ist, spüren die nachgelagerten Akteure die Folgen der Lieferengpässe ebenfalls sehr deutlich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts stiegen die Großhandelspreise im Oktober 2021 gegenüber dem Vorjahresmonat um 15,2 Prozent - so stark wie seit der ersten Ölkrise im Jahr 1974 nicht mehr. Fehlen Rohstoffe und Vorprodukte, stockt die gesamte Wertschöpfungskette. Kann der Großhandel seine Kunden, wie z.B. das E-Handwerk nicht beliefern, stehen diese ebenfalls vor Herausforderungen: Eine motorisierte Jalousie lässt sich schließlich nicht einbauen, wenn das Fenster fehlt. Beim Endkunden kommen die Entwicklungen in der Lieferkette bislang nicht im vergleichbaren Maße an.

Ausblick: Entspannung in der Versorgung Mitte 2022 erwartet

Deutschlands Unternehmen und als wichtiges Bindeglied in der Lieferkette die Groß- und Außenhändler sind auf offene Märkte und funktionierende Lieferketten angewiesen. Die Abhängigkeit vom internationalen Handel ist Chance und Risiko zugleich: Risiko, wenn eine besondere Abhängigkeit von wenigen Lieferanten besteht, Chance, wenn Sourcing global und flexible erfolgt. Dann ermöglicht der internationale Handel ein vielfältiges und bezahlbares Angebot zu sichern, auch wenn es mal zu Engpässen kommt, sich im weiteren Zeitablauf überwinden lassen.

Damit Lieferketten widerstandsfähig bleiben, dürfen sie staatlich nicht überreguliert und mit Anforderungen überfrachtet werden. Unternehmen stehen andererseits in der Verantwortung, ihre Lieferketten zu sichern und diese laufend zu überprüfen und ggf. stärker zu diversifizieren. Re- oder Near-Shoring sind hierbei eine häufig genannte Option. So kann es gelingen, die Abhängigkeiten zu reduzieren und das Risiko eines Lieferausfalls zu streuen. Durch Protektionismus (z.B. Exportverbote, Zölle) und die Nichtumsetzung von Freihandelsabkommen wie CETA und Mercosur wird jedoch genau das Gegenteil bewirkt.

Der BGA geht davon aus, dass marktwirtschaftliche Mechanismen die Versorgungslage stabilisieren. Letztlich wird der Markt und damit die Preisentwicklung wieder zu einer Entspannung führen, auch wenn sich die Lieferprobleme voraussichtlich noch bis zur Jahresmitte 2022 fortsetzen werden.

Dipl.-Volkswirt Michael Alber
Geschäftsführer
Volkswirtschaft und Finanzen
Telefon: 030 590099-570
E-Mail: Michael.Alber(at)bga.de

Im BGA ist er Ansprechpartner für alle volkswirtschaftlichen Fragestellungen. Auf Grundlage der Daten des Statistischen Bundesamtes und wissenschaftlicher Institutionen analysiert er die konjunkturelle Entwicklung im Großhandel und der Gesamtwirtschaft. In Veröffentlichungen wie Trends & Analysen Großhandel sowie dem monatlichen Konjunkturbarometer informiert er über die Perspektiven für die Wirtschaftsstufe.

Lena Schlett
Verkehr & Logistik
Telefon: 030 590099-519
E-Mail: Lena.Schlett(at)bga.de